Das ist doch absurdes Theater
Schwäbische Zeitung, 05.01.2009FDP-Generalsekretär Dirk Niebel fordert die Koalition vor dem heutigen Treffen über ein weiteres Konjunkturpaket zum schnellen Handeln auf. "Die Regierung Merkel-Steinmeier muss endlich über ihren Schatten springen und sich von der bisherigen Hochsteuerpolitik abwenden", fordert der FDP-Generalsekretär im Gespräch mit unserer Redakteurin Sabine Lennartz.
NIEBEL-Interview für die „Schwäbische Zeitung“
Berlin. FDP-Generalsekretär DIRK NIEBEL gab der „Schwäbischen Zeitung“ (Montagausgabe) das folgende Interview. Die Fragen stellte SABINE LENNARTZ.
Frage: Die Finanz- und Wirtschaftskrise richtet das Augenmerk ganz auf das Handeln der Großen Koalition. Wie kann eine kleine Partei wie die FDP da noch punkten?
NIEBEL: Auch große Elefanten werden mit kleinen Stöckchen angetrieben. Die dickfellige Koalition hat das auch bitter nötig, weil ihre zaudernde Haltung zu den immensen Herausforderungen uns 2009 noch große Probleme bescheren kann. Diese Koalition beschäftigt sich mehr mit Wahlkampf und ihren internen Schwierigkeiten als mit dem Regieren in schwerer Zeit.
Frage: Die CSU besteht genau wie Sie auf Steuersenkungen. Hoffen Sie auf einen Erfolg der CSU im Koalitionsausschuss am Montag?
NIEBEL: Das ist doch absurdes Theater: In der Union ist allgemein anerkannt, dass Steuerentlastungen positiv auf die Konjunktur wirken, nur die einen wollen sie jetzt und die anderen aus rein wahltaktischen Gründen erst später. Ich kann nur warnen: Wer hier taktiert, verliert. Die Regierung Merkel-Steinmeier muss endlich über ihren Schatten springen und sich von der bisherigen Hochsteuerpolitik abwenden. Jedes weitere Abwarten bedeutet eine schwere Belastung für Wirtschaft, Wohlstand und sozialen
Zusammenhalt.Frage: Der Dreikönigstag, den Ihre Partei immer ganz besonders begeht, findet im Land der Autobauer statt. Soll die Politik der Autoindustrie mehr helfen?
NIEBEL: Was punktuelles Reagieren bringt, wissen wir seit Gerhard Schröders Holzmann-Pleite. Nein, die deutschen Autokonzerne stehen auf festen Beinen und haben ja auch Jobgarantien ausgesprochen. Wenn aber ein Drittel der mittelständischen Betriebe, auch viele Autozulieferer, Entlassungen erwägen, dann ist es richtig, den Hebel umzulegen: Weniger statt mehr steuerliche Belastungen! So wäre es gut, wenn das neue mittelstandsfeindliche Erbschaftsteuerrecht besser heute als morgen wieder verschwindet. Wir wollen es revidieren, weil es dem grundgesetzlichen Schutz von Ehe und Familie zuwiderläuft und zudem durch die Mitwirkung der nur geschäftsführenden hessischen Regierung auf höchst fragwürdigem Weg zustande gekommen ist.
Frage: Die CDU-Vize Roland Koch und Christian Wulff haben ihre Partei aufgefordert, sich vor der Wahl auf die FDP als Wunschpartner festzulegen. Letztes Mal ist das der CDU nicht gut bekommen. Die CSU gibt dafür der FDP die Schuld. Zu Recht?
NIEBEL: Das kann ja Horst Seehofer in Kreuth beantworten. Der Union ist doch nicht verborgen geblieben, dass das enttäuschende Abschneiden 2005 eher an der eigenen Wackligkeit in Steuerfragen und Edmund Stoibers Hochnäsigkeit gegenüber dem Osten gelegen hat. Was die FDP betrifft: Wir sind gut damit gefahren, rechtzeitig vor der Wahl anzuzeigen, mit wem wir uns möglichst viel liberale Politik vorstellen können und durchsetzen wollen. Wir werden es deshalb wieder tun.
Frage: Sind Sie eigentlich noch sauer auf die CDU-Chefin, die kaum einmal die Option auf Schwarz-Gelb erwähnt?
NIEBEL: Sie geht halt gern auf Nummer sicher und will sich das Schlupfloch zur SPD offen halten. Unter ihrer Führung wetteifert die Union ja auch mit den Genossen um die sozialdemokratischste Politik. Ich habe Frau Merkel vor genau einem Jahr deshalb sehr persönlich angegriffen. Das war so nicht in Ordnung und tat mir dann auch leid. Aber gemeint habe ich diese mangelnde Eindeutigkeit ihres Kurses, den fehlenden Mut. Da bleibe ich bei meiner Kritik.
Frage: SPD-Chef Franz Müntefering hat Rot-Rot ins Spiel gebracht. Ist das für Sie das Ende der Überlegungen von Ampel-Koalitionen?
NIEBEL: Es sind ja seine und nicht unsere strategischen Spielchen. Also habe ich da auch kein Ende auszurufen. Ich fürchte nur: Das Siechtum der SPD veranlasst sie zu unverantwortlichen Abenteuern wie schon 2008 in Hessen. Bei Rot-Rot denken bisher alle an Klaus Wowereit und später. Ich sage: Sie machen die Linksfront, wenn es sich in diesem Jahr schon rechnet. Solange SPD und Linkspartei den demokratischen Sozialismus auf ihre Fahne geschrieben haben, werden sie auch zueinander streben. Herr Steinmeier hört das sicher nicht so gern, bleibt aber als Vizekanzlerkandidat eine
programmatische Randfigur und tut auch nichts dagegen.Frage: Die baden-württembergische FDP will die FDP auffordern, ein neues Grundsatzprogramm zu erarbeiten. Braucht die FDP eine Modernisierung?
NIEBEL: Zuerst brauchen wir Unterstützung im Volk für unser aktuelles, ganz zeitgemäßes Programm und unsere Politik für die liberale Bürgergesellschaft. Davon wird das Superwahljahr 2009 für uns geprägt sein. Als baden-württembergischer Abgeordneter und als General der ganzen Partei freue ich mich darauf, dass wir dann den Faden weiterspinnen, uns neue Ziele setzen und der Gesellschaft einen neuen Horizont geben wollen. Das geschieht auf der Basis und in Fortschreibung unserer Wiesbadener
Grundsätze.









