Dirk Niebel, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und FDP-MdB aus dem Wahlkreis Heidelberg

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Samstag, 4. Februar 2012

Niedrige Steuern kosten gar nicht so viel

Frankfurter Allgemeine, 04.10.2009

05. Oktober 2009 Vor den Koalitionsverhandlungen macht FDP-Generalsekretär Dirk Niebel Druck auf Bundeskanzlerin Angela Merkel: Spürbare Steuersenkungen seien ein unumgänglicher Schritt - und sogar finanzierbar. Durch die Eindämmung von Schwarzarbeit und „eine vernünftige Ausgabendisziplin“.



Im Gespräch: Dirk Niebel
„Niedrige Steuern kosten gar nicht so viel“

Herr Niebel, im Bundestag und im Bundesrat gibt es seit der Wahl eine schwarz-gelbe Mehrheit. Wird jetzt durchregiert?

Das Wort "durchregieren" ist mir zu negativ besetzt. Richtig ist aber: Wir haben in Deutschland seit der Bundestagswahl klare Verhältnisse.

Warum ist das negativ besetzt? Früher haben Union und FDP genauso gesprochen.

Nein, das haben wir Liberale nicht getan. Eben weil es so merkwürdig obrigkeitsstaatlich klingt, als traute man sich alles zu und wollte anderen etwas zumuten. Allerdings können wir jetzt mit der Kraft des gesellschaftlichen Rückhalts einer Mehrheit endlich die notwendigen Reformen beginnen, die wir als Liberale und übrigens auch große Teile der Union für unabdingbar halten. Wir brauchen einen bürgerschaftlichen Aufbruch für mehr Arbeit, mehr Bildung, mehr Freiheit. Dafür wollen wir mit den Koalitionsverhandlungen von Montag an das Fundament legen.

Die FDP ist in der Koalition so stark wie nie. Steigt damit der Druck, in den Verhandlungen mit der Union mehr eigene Positionen durchzusetzen?

Den Anspruch, viel vom eigenen Wahlprogramm durchzusetzen, hat jeder Partner. Wenn die Union tatsächlich - wie sie sagt - eine starke liberale Strömung hat, dann sollte sie uns, dem Original, weit entgegenkommen können. Selbstverständlich ist uns klar, dass wir uns nicht zu 100 Prozent durchsetzen werden. In einer guten Beziehung braucht jeder Luft zum Atmen.

Arbeiten wir die Liste doch mal durch. Gibt es Steuersenkungen?

Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir endlich ein faires und einfacheres Steuersystem vereinbaren können. Für die FDP ist das ein ganz zentraler Punkt. Und wir werden relativ schnell Einigung darüber erzielen, dass Familien stärker entlastet werden, dass wir die Fehler der Unternehmensteuerreform korrigieren und dass wir bei der kalten Progression ...

... also dem Phänomen, dass jede Lohnerhöhung die Steuerlast des Bürgers verschärft ...

... schnell zu einer Lösung im Sinne der Steuerzahler kommen werden. Es geht darum, die Mitte unserer Gesellschaft zu stärken. Dazu sind spürbare Steuersenkungen ein unumgänglicher Schritt.

Und das soll alles zu Beginn der Regierungszeit geschehen?

Das ist unser Wunsch.

Ein einfaches Steuersystem, sagen Sie. Heißt das, Sie wollen das FDP-Steuermodell mit drei Steuersätzen von 10, 25, 35 Prozent durchsetzen?

Das wollen wir wegen seiner Entlastungswirkung. Unser gesamtes Wahlprogramm legen wir auf den Verhandlungstisch. Dazu gehört natürlich auch dieses Steuermodell.

Verraten Sie auch, wie Sie das finanzieren wollen? Der Staat ist jetzt schon dramatisch hoch verschuldet.

Warten Sie es doch mal ab. Die Koalitionsverhandlungen zwischen FDP und Union werden ja nicht ewig dauern. Und die Wahlkampfaussage des scheidenden Finanzministers Peer Steinbrück, das sei alles nicht zu finanzieren, hat ja eines immer verschleiert: Nach den Steuerschätzungen gibt es in den kommenden Jahren immer noch Jahr für Jahr 41 Milliarden Euro mehr Steuereinnahmen als in den letzten vier Jahren. Sogar spürbare Steuersenkungen sind finanzierbar, wenn wir Schwarzarbeit eindämmen und eine vernünftige Ausgabendisziplin vereinbaren, die es bei der großen Koalition nicht gegeben hat.

Wo wollen Sie denn Ausgaben beschneiden?

Sie können sicher sein, wir haben da schon konkrete Vorstellungen. Aber unsere Verhandlungslinie werde ich Ihnen bestimmt nicht einen Tag vor Beginn der Koalitionsverhandlungen verraten.

Sie haben persönlich immer betont, bei der Arbeitsmarktpolitik könne gespart werden.

Das gilt auch weiter. Wir stellen uns eine echte Strukturreform der Arbeitsverwaltung vor, und für die werden wir in den Koalitionsverhandlungen auch kämpfen. Die ineffiziente Bundesagentur für Arbeit in ihrer jetzigen verkrusteten Form muss aufgelöst werden.

Was kommt statt dessen?

Es gibt dann nur noch eine reine Versicherungsagentur, die die Leistungen, also das Arbeitslosengeld, auszahlt. Arbeitsmarktpolitik und die Vermittlung werden künftig über die Städte und Gemeinden stattfinden.

Davon werden Sie die Union kaum überzeugen.

Warum sind Sie sich dessen so sicher? Wir gehen auf jeden Fall mit diesem Vorschlag in die Koalitionsgespräche. Als die Union 2004 mit Rot-Grün über die Hartz-Reformen verhandelt hat, wollte sie doch auch diese kommunale Lösung. Sie kann das nicht vergessen haben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat vieles von dem, was die FDP in den Koalitionsverhandlungen fordert - von der Lockerung des Kündigungsschutzes bis zur Abschaffung des Gesundheitsfonds - schon ausgeschlossen. Muss die FDP am Ende doch kleine Brötchen backen?

Wenn die CDU-Vorsitzende, bevor sie zur Kanzlerin gewählt wird, jetzt schon reihenweise Themenfelder ausschließt, dann wird es sehr zähe Koalitionsverhandlungen geben. Ich bin aber fest davon überzeugt, dass das nicht nötig sein wird. Auch die CDU-Vorsitzende weiß, dass wir als neue Bundesregierung ein Zeichen des Neubeginns setzen müssen.

Nehmen wir den Gesundheitsfonds. Den will Merkel um keinen Preis antasten.

Das mag sie vor der Wahl tatsächlich so gemeint haben, weil ja auch ein "Weiter so" drin war. Jetzt gibt es aber Schwarz-Gelb. Wir bleiben dabei, dass wir den Gesundheitsfonds abschaffen wollen, und genau mit dieser Forderung gehen wir auch in die Koalitionsverhandlungen. Übrigens hat der Fonds auch in der Union nicht nur Freunde.

Aber die CDU-Vorsitzende will ihn behalten.

Die FDP kommt mit beinahe 15 Prozent aus dieser Bundestagswahl. Und ich verspreche Ihnen, dass wir uns mit dieser neu gewonnenen Stärke in diesem Koalitionsvertrag wiederfinden werden, auch bei der Gesundheitspolitik. Wir heben nicht ab, aber wir können mit einem soliden Selbstbewusstsein in diese Gespräche gehen. Wir wissen, was wir wollen, und der Koalitionsvertrag wird nicht nur schwarz, sondern auch blau-gelb geschrieben.

Welche Themen sind der FDP denn besonders wichtig, wenn sie sich im Koalitionsvertrag wiederfinden will?

Pardon, aber auch hier gilt: Ich gebe keine Tipps für Spitzfindige. Lasse ich nur einen Bereich aus, heißt es gleich: Aha, da und dort wollen sie also verzichten und an anderer Stelle hart bleiben.

Es gibt auch noch ein paar Altlasten aus der Finanzkrise, mit denen sich die neue Regierung beschäftigen muss: die Verstaatlichung der HRE oder die Opel-Rettung zum Beispiel. Wie weit spielen die in den Koalitionsverhandlungen eine Rolle?

Vertragliche Festlegungen der alten Bundesregierung gelten selbstverständlich auch für die neue. Aber wir werden auch im Nachhinein überprüfen, ob bei Opel die Festlegung auf den einen Anbieter Magna wirklich sachgerecht gewesen ist. Die Verhandlungen zwischen General Motors und Magna sind ja noch nicht abgeschlossen. Unser Ziel ist, dass der Staat sich dort, wo er während der Krise auf Kosten des Steuerzahlers eingestiegen ist, so schnell wie möglich wieder zurückzieht. Diesen Wunsch haben nach meinem Kenntnisstand alle drei Parteien, die in die Koalitionsgespräche gehen.

Wann wird die neue Regierung gebildet werden?

Wir sind für zügige, aber gründliche Verhandlungen. Wir stehen nicht unter Zeitdruck. Als einziges Datum ist festgelegt, dass der neue Bundestag bis zum 27. Oktober zusammentritt. Eine neue Bundesregierung muss dann noch nicht gebildet werden, wenn sich die Koalitionsverhandlungen doch zäher gestalten sollten. Wie gesagt, wir stehen unter keinem Druck. Wichtig ist, dass die neue Regierung ein Aufbruchsignal setzt.

Unter welchem Motto sollte ein solcher Aufbruch stehen?

Ich würde sagen: die Mitte stärken. Es geht darum, dass die Mittelschicht als Klammer der Gesellschaft funktionieren kann. Die Ränder der Gesellschaft werden kleiner - und damit übrigens auch die politischen Ränder -, wenn die Mitte stärker und breiter wird. Diese Regierung muss zeigen, dass sie sich um die ganz normalen Menschen, um ihre Chancen oder Sorgen ausreichend kümmert. Das reicht von steuerlichen Entlastungen bis hin zu einer bezahlbaren Energieversorgung.

Wird die Kernenergie wieder ein Thema?

Das ist ein wichtiges Thema unserer Zukunftschancen. Union und FDP fordern ausdrücklich einen vernünftigen, bezahlbaren und umweltfreundlichen Energiemix. Wir sind Realisten und meinen deshalb, dass wir die Kerntechnik so lange benötigen, bis die Energieversorgung aus regenerativen Energien gesichert ist.

Da riskieren Sie aber heftige Konflikte. Steht die neue Regierung die durch?

Ich bin nicht als konfliktscheu bekannt. Auch die neu gewählten Abgeordneten der FDP-Fraktion haben das Selbstbewusstsein, für unsere Überzeugungen einzustehen. Seien Sie sicher: Alles wird gut.

Das Gespräch führte Carsten Germis
 
 

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